Nach seinen Büchern über Martin Scorsese und Quentin Tarantino hat der französische Comickünstler Amazing Ameziane jetzt auch einen Band über das Schaffen von Steven Spielberg publiziert, der auf Deutsch im Splitter Verlag erschienen ist.
Der französische Comiczeichner Amazing Ameziane ist nicht nur Comic-Fan, sondern auch Filmfan. Besonders liebt er die Werke aus dem Freundeskreis von Francis Ford Coppola, Brian De Palma, Martin Scorsese, George Lucas und Steven Spielberg, die seine Generation in den späten 1970er- und 1980er-Jahren als Jugendliche geprägt hat. Nun macht er Comics über sie. Wenn es Filme wären, würde man sie Biopics nennen – leicht fiktionalisierte Graphic-Novel-Biografien über die Regisseure, die er mag. Er hat bereits einen Comic über Quentin Tarantino gemacht, einen über Martin Scorsese sowie über Francis Ford Coppola. An George Lucas arbeiten sich gerade in einer mehrbändigen Reihe die französischen Kollegen Laurent Hopman und Renaud Roche ab (siehe hier). Ameziane selbst hat sich als weiteren Stoff jetzt eine Comic-Biografie über Steven Spielberg vorgenommen.
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Die Entwicklung des Kinomagiers im Schelldurchlauf
Von seiner Kindheit und Jugend hat Spielberg zuletzt selbst kongenial in „Die Fabelmans“ (2022) erzählt. In Amezianes Comic kommen dieselben prägenden Szenen wie im Film vor: die Scheidung der Eltern, das Mobbing in der Schule als einziges jüdisches Kind, aber vor allem der Kinobesuch mit dem Vater: Statt des versprochenen Zirkusbesuchs gibt es den Zirkusfilm „Die größte Schau der Welt“ von Cecil B. DeMille mit dem beeindruckenden Zugunglück, das der kleine Steven direkt mit der Eisenbahnanlage nachspielt und dann mit der Kamera des Vaters filmt. Ein Anfang. Es folgen äußerst ambitionierte Hobbyfilme des Teenagers wie „Escape to Nowhere“ oder „Firelight“, von deren Entstehung Spielberg ebenfalls in „Die Fabelmans“ erzählt. Der Comic hat dafür nur eine halbe Seite Platz, mit einem Bild und ein paar Sprechblasen. Denn es geht schnell weiter nach Los Angeles, zum Studium und zu ersten Achtungserfolgen wie dem Studentenfilm „Amblin’“, ersten Arbeiten in Hollywood-Studios, dem ersten Vertrag für ein Fernsehstudio: Er dreht „Columbo“, dann „Duell“, seinen beeindruckenden, für das Fernsehen gedrehten Auto-Thriller, der vereinzelt auch ins Kino kam. Es folgt „Sugarland Express“, sein erster echter Kinofilm. Und schon ist man bei „Der weiße Hai“ (1975), Spielbergs großem Durchbruch. Erst hier geht Ameziane in die Tiefe, im doppelten Wortsinn. Er liefert etwas mehr Produktionshintergründe. Dennoch bleibt der neue Comic auch auf den fünf Doppelseiten zu „Jaws“ hinter seiner Arbeit an dem sehr detailreichen Scorsese-Comic zurück.
Vielleicht fühlt sich das nur so an, weil Spielberg als Charakter auch auf den folgenden Seiten wenig griffig wird. Kein Little Italy mit Mafia, keine omnipräsente Kirche, keine Drogenprobleme wie bei Scorsese. Neben Amezianes Spielberg erscheint sogar George Lucas, der auch nicht gerade der Mensch für Schlagzeilen, Abstürze und menschliche Abgründe ist, in den Comics von Hopman und Roche wie eine Gestalt mit großen Ambivalenzen. Die George-Lucas-Comics sind zudem ein tolles Beispiel dafür, wie ein Comic die Entstehung eines Filmes durch alle Gewerke hindurch erfassen kann – und die Kreativen dahinter. In Amezianes Spielberg-Comic gelingt das nur streckenweise. Erst wo es um „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) geht, gönnt sich die Bilder-Biografie mit vielen Details zur Vorproduktion wirklich Raum, um die Produktionsgeschichte genauer aufzufächern; für die Filmmusik von John Williams findet sich sogar mehrfach Platz. Hier etabliert Ameziane auch den Topos des ewigen Kindes, das in Spielberg steckt, das sich mit „E.T.“ (1982) entfalten kann und mit seinem Trauma als Scheidungskind konfrontiert wird.
Hetzjagd von Film zu Film
In der „Indiana Jones“-Reihe, die Spielberg zusammen mit George Lucas realisierte, wird dieses „Kind“ in Form des erwachsenen „Indy“ dann mit den Nazi-Schurken als Antagonisten ansatzweise auch erstmals mit dem Trauma der Shoah konfrontiert. Weniger erfolgreiche Filme wie „1941“, „Die Farbe Lila“ oder „Das Reich der Sonne“ werden zuvor auf nur einer Seite mit je einem großen Bild und etwas Text schnell abgehakt.
Schon zu Indiana Jones baut Ameziane ganze Textseiten ein. Findet er nicht die richtigen Bilder? Die weniger großen oder erfolgreichen Filme hakt er pflichtbewusst ab, mitunter so schnell, dass sich Irritationen beim Lesen einstellen. Wo sind wir gerade, welches Projekt wurde noch mal verschoben, welches dazwischengeschoben? Den großen Erfolgen „Jurassic Park“ und „Schindlers Liste“ wird etwas mehr Aufmerksamkeit gezollt. Beide Filme stammen aus dem Jahr 1993, könnten aber kaum unterschiedlicher sein. Mit „Schindlers Liste“ stellt sich Spielberg in aller Konsequenz dem Trauma der Shoah. Ernstere Themen finden sich nun häufiger in seiner Filmografie, und Ameziane versucht weiterhin, alle Werke aufzureihen. Auf den Seiten zu den letzten 25 Jahren von Spielbergs Karriere wird neben der oberflächlichen Hetzjagd von Film zu Film auch ein weiteres Manko des Comics immer sichtbarer: Ganzseitige Bilder herrschen vor, denen kurze Texte – meist geschrieben als Monologe Spielbergs – zur Seite gestellt sind. Auch die reinen Textpassagen werden erneut bemüht. Zu einem klassischen Graphic-Novel-Erzählen in Szenen mit Bildern und Sprechblasen findet Ameziane im gesamten Comic nur selten. Eine Dramaturgie entwickelt sich neben der reinen Chronologie kaum. Und das, obwohl das Subjekt seiner Einlassungen – der Kinoerzähler Steven Spielberg – doch so sehr an spannender Dramaturgie, Szenen und Dialogen interessiert ist.
In seinem Comic über Martin Scorsese ist das Ameziane weitaus besser gelungen. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass sich Spielbergs Vita nicht für Dramen eignet. Hier hat man es jedenfalls mit einem mit zahlreichen Zitaten und Bonmots des Regisseurs gespickten Monolog zu tun und mit inhaltlichen Wiederholungen, die Fragen nach dem Lektorat aufwerfen. Am Ende ist nicht einmal klar, ob Ameziane die Worte dem Regisseur nur in den Mund gelegt hat oder alles recherchiert ist. Dennoch wäre es sehr zu wünschen, wenn Amazing Amezianes Comics über Sergio Leone („The Revolution of the Western“) und Francis Ford Coppola („Don Coppola“) ebenfalls eine deutschsprachige Veröffentlichung erfahren würden. Visuelle Motive für seine doch sehr facettenreichen Zeichnungen liefern die Regisseure ja zur Genüge.
Literaturhinweis
Steven Spielberg: Die Graphic Novel Biografie. Von Amazing Ameziane. Splitter Verlag, Bielefeld 2026. 192 Seiten. 35 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.
























































