Das ungarische Kino steht nach dem Ende der Fidesz-Ära vor grundlegenden Reformen. Einen Tag nach Viktor Orbán trat auch Csaba Kaél zurück, der Leiter des Nationalen Filminstituts. Damit ist der Weg frei für eine Neuausrichtung der ungarischen Filmförderung. Vor allem das junge, unabhängige Filmschaffen hofft jetzt auf tatkräftige Unterstützung. Die Euphorie des Neuanfangs ist nicht nur in Budapest mit Händen zu greifen.
Nur einen Tag nach der krachenden Niederlage seines „Chefs“ Viktor Orbán trat auch Csaba Kaél als Leiter des Nationalen Filminstituts (NFI) zurück. Der langjährige Vertraute von Orbán ist von Hause aus Regisseur, entschloss sich jedoch, in der Fidesz-Ära Karriere zu machen. Jahrelang gewann er mit verschiedenen Firmen fingierte Ausschreibungen für Großprojekte, etwa für das traditionelle Feuerwerk zum Nationalfeiertag am 20. August. Er wirkte schon für die frühen Orbán-Regierungen als Berater und PR-Mann im Hintergrund mit. An Csaba Kaél lässt sich gut festmachen, wie eng Korruption und politische Vetternwirtschaft in Ungarn in den vergangenen 16 Jahren miteinander verflochten waren.
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Nachdem der Hollywood-Produzent Andy Vajna die ungarische Filmförderung ab 2011 umgekrempelt hatte, Drehbücher evaluieren ließ und als staatlicher Geldgeber auf einem „Final Cut“ für geförderte Filme bestand, befürchteten viele das Schlimmste. Doch Vajna umgab sich mit einem kompetenten Auswahlgremium und förderte etwa das 2016 mit einem „Oscar“ für den besten internationalen Film ausgezeichnete Drama „Son of Saul“ von Lászlo Nemes, aber auch „Körper und Seele“ von Ildiko Enyédi, der 2017 den Goldenen Bären gewann. Große patriotische Heldenepen, die das Ungarntum feiern, entstanden während der Vajna-Ära jedoch nicht. Erst als Csaba Kaél nach Vajnas Tod im Jahr 2019 zum „Regierungsbeauftragten“ für die Filmbranche ernannt wurde, ging es mit der internationalen Reputation des ungarischen Films bergab.
Das neugegründete Filminstitut zentralisierte die Filmförderung und unterstützte kaum noch kleinere ungarische Filme, die nicht in den Fidesz-Kanon passten. Zwar gab es das Programm „Inkubator“ für anspruchsvolle Debütfilme, das es jungen Filmemachern ermöglichen sollte, ihre eigenen Stoffe zu verfilmen. Doch in den letzten Jahren wurden Filmprojekte, die von einer unabhängigen Jury ausgewählt wurden, einfach nicht mehr gefördert.
Filme aus dem Fidesz-Universum
Das NFI finanzierte stattdessen zunehmend harmlose Unterhaltungsfilme wie das nette Musical „ Hogyan tudnék élini nélküled“ (Wie könnte ich nur ohne Dich leben) oder nationalistisch angehauchte Großproduktionen wie „Elk*rtuk“ (wörtlich übersetzt: „Wir haben es verfickt“), ein Agitpropfilm gegen den einstigen sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany, der 2006 in einer Geheimrede in drastischen Worten zugegeben hatte, das ungarische Wahlvolk belogen zu haben. Auch aufwendige, sehr teure Filme wie das Mittelalterdrama „1242 – A Nyugat kapujában“ (1242 – Das westliche Tor) wurden gefördert, in dem tapfere Ungarn gänzlich ahistorisch Europa vor mongolischen Invasoren retten.
Der patriotische Afghanistan-Kriegsfilm „Drachen über Kabul“, in dem ungarische Soldaten mehr als 450 Afghanen und Europäer kurz vor der neuerlichen Machtübernahme der Taliban außer Landes brachten, kostete insgesamt 15 Millionen Euro und war einer der drei teuersten ungarischen Filme aller Zeiten; allerdings wollten ihn nur 26.000 Zuschauer sehen. Ein desaströser Flop.
Kurios ist auch der Umstand, dass sich der oberste Filmförderer Kaél ein Budget von 5 Millionen Euro gewährte, um seinen patriotischen Tanzfilm „Magyar Menyegzö“ (Ungarische Hochzeit) zu inszenieren, während er neue Projekte der sehr viel bedeutenderen Regisseure wie Kornél Mundruczo, György Pálffi, Ferenc Török oder Szabolcs Hajdu aus ideologischen und politischen Gründen ablehnte. „Ungarische Hochzeit“ spielt Ende der 1980er Jahre und handelt von Volkstänzern unter der ungarischen Minderheit in Rumänien. Es geht um einen Möchtegern-Rockmusiker, der nach Rumänien fährt, um mit Ikonen zu handeln. Zudem soll er einer hübschen Ungarin aus Rumänien durch eine „weiße Heirat“ die Übersiedlung nach Ungarn ermöglichen; erwartbar verlieben sich die beiden ineinander. Inszenatorisch überzeugen nur die Tanzszenen des folkloristischen Films, der im Kino immerhin 180 000 Zuschauer erreichte.
Der Widerstand der Unabhängigen
Neben den staatlich finanzierten Filmen gibt es in Ungarn seit vier Jahren aber auch eine sehr innovative Filmszene, die mit Low- und No-Budget-Filmen für Furore sorgt. Dazu zählt auch der erfolgreichste Film des Jahres „Itt érzem magam otthon“ (Hier fühle ich mich zuhause) von Gábor Holtai. In dem komplett unabhängig produzierten Genrefilm, der in einem düsteren, monochromen Budapest spielt, wird eine Frau betäubt und entführt. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einer großen Wohnung und in den Händen einer psychopathischen Familie, die sie für die lange verlorene Tochter hält. In der bitterbösen Parabel auf eine allgegenwärtige Angst gehören der Familie alle Geschäfte und Wohnungen des Viertels. Wenn die Angehörigen einkaufen gehen, müssen sie nicht bezahlen; das Familienoberhaupt hört sowjetische Lieder aus der Stalinzeit. Fast 300 000 Kinobesucher sahen den Film. Noch in der Woche vor den Wahlen am 12. April 2026 wurde es Lehrern verboten, den Film mit ihren Schülern als Schulvorstellung zu besuchen.
Wie sich das Kino am Ende der Orbán-Ära gegen die Fidesz-Propaganda wehrte, zeigte sich auch in dem Dokumentarfilm „Tavaszi Szél“ (Frühlingswind) über den Wahlsieger und designierten Ministerpräsidenten Péter Magyar. Regie führte Yvan Tamás Topolánszky. Es geht um den Aufstieg von Magyar, der mit der ehemaligen Justizministerin Judit Varga verheiratet war, die nach einem Missbrauchsskandal 2024 zurücktreten musste. Ihr Ex-Mann wurde zum Whistleblower, der Klartext über das verlogen-korrupte Fidesz-System redete. In dem Film, der Magyar wohlgesonnen, aber keine Propaganda ist, erlebt man auch den Privatmann Péter Magyar. Spannend ist jedoch, wie es Magyár gelingt, so schnell wie impulsiv, das Orbán-System zu entlarven. Von den Verleumdungskampagnen gegen ihn und der Drohung, ihn seelisch zu zerstören, ist Magyar sichtlich getroffen; immer wieder kommt er darauf zu sprechen. In einem Land, in dem das staatliche Fernsehen und viele Printmedien die Wahrheit bogen, blieben immerhin die Kinos politisch unabhängig. Was unter anderem auch damit zu tun hatte, dass die Multiplexe der „Cinema City“-Kette, in denen „Tavaszi Szél“ primär lief, britische und israelische Eigentümer hat.
Forderungen nach Reformen
Wie könnte es nach dem Rücktritt von Csaba Kaél nun weitergehen? Ungarische Filmemacher wie Kristóf Déak, Benedek Fliegauf oder György Pálfi plädieren in offenen Briefen für eine Neuausrichtung der nationalen Filmförderung und einen Neuanfang. Unabhängige Gremien und Jurys sollen transparent entscheiden. Statt einer einzigen zentralen Förderinstitution soll es wieder mehrere Fördertöpfe geben. Angedacht sind vor allem regionale Filmförderungen, die einer auf Budapest zentrierten Filmproduktion entgegenwirken sollen. Im Gespräch sind aber auch Abgaben der vielen internationalen Produktionen an den ungarischen Film. Denn in Ungarn drehen viele US-amerikanische und westeuropäische Produzenten Filme wie „The Brutalist“, „Poor Things“, „Maria“ oder „Alien: Romulus“, weil sie von einem beträchtlichen Steuerrabat profitieren.
Mit dem Schauspieler Ervin Nagy verfügt die neue Regierungspartei „Tisza“ über einen Filmstar, der zum Politiker wurde und bei den Wahlen seinen Wahlkreis haushoch gewonnen hat. Mitunter wird er sogar als neuer Kulturminister gehandelt, der dafür sorgen soll, dass sich im ungarischen Film vieles ändert. Die Hoffnungen richten sich auf eine neue Ära ohne Ideologie, in der vor allem das junge, dynamische ungarische Kino Unterstützung findet.























































